Deutscher Perfektionismus bremst Digitalisierung

Götz-Andreas Kemmner

Eine Online-Befragung der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) bei 868 Unternehmen – primär aus dem Mittelstand – hat ergeben, dass die Digitalisierung von Geschäftsprozessen noch immer weit hinter den Möglichkeiten herhinkt. Gefragt wurde nach dem Digitalisierungsgrad von 41 Prozessen, für die heute bereits Technologien und Lösungen bekannt und vorhanden sind. Auf einer Skala von 1 (keine Digitalisierung) bis 4 (weitgehend durchgängige Digitalisierung) konnten die teilnehmenden Unternehmen ihre Prozesse bewerten.

Die Ergebnisse sind fast niederschmetternd. Selbst bei den Beschaffungsprozessen als Spitzenreiter liegt der durchschnittliche Digitalisierungsgrad bei 2,18 (in geringem Maße digitalisiert).
Die Untersuchung der THM bestätigt leider auch unsere Erfahrungen aus der Praxis bei vielen Firmen. Das Interesse an der Automatisierung von Geschäftsprozessen ist vorhanden. Aber selbst dort, wo man mit wenig Aufwand viel erreichen kann, passiert viel zu wenig.
Die Digitalisierung, die einer der größten wirtschaftlichen Stellhebel ist, betrifft beispielsweise maßgeblich die Bereiche Prognose, Disposition und Fertigungssteuerung und selbst hier passiert weit weniger, als möglich wäre. Hat man beruflich mit dem Thema Automatisierung von materialwirtschaftlichen Prozessen zu tun, sucht man nach den Ursachen der zögerlichen Investitionsbereitschaft in diesem Bereich.
Neben den üblichen Hemmnissen wie Investitionskosten, Angst vor Entscheidungen und – ja, auch im Mittelstand – fehlendem Unternehmertum, kommen nach meiner Erfahrung zwei wesentliche Faktoren hinzu:

  1. Die Entscheidungsträger fühlen sich in dem Digitalisierungsthema besonders unsicher; entsprechend zögerlich fallen Entscheidungen.
  2. Die Anwender – also die vermeintlich operativen Fachleute für die Beurteilung der Qualität eines automatisierten Planungs- und Steuerungsprozesses – denken immer von den Ausnahmen und nicht von der Regel her.

Aus der Automatisierung von technischen Prozessen sind wir es gewohnt, Prozesse so lange zu optimieren, bis alles fehlerfrei läuft. Eine CNC-Steuerung, die gelegentlich das Werkzeug ins Spannfutter fährt, ist unbrauchbar; Ausnahmen sind nicht erlaubt.
In Geschäftsprozessen jedoch, in denen menschliche Entscheidungsprozesse von Algorithmen oder künstlicher Intelligenz übernommen werden, ist die Automatisierungssituation eine andere. Hier geht es nicht um die Digitalisierung eines mechanisierten Prozesses, sondern um das Ersetzen naturgemäß in Teilen fehlerhafter menschlicher Entscheidungen durch digitalisierte Entscheidungen; auch diese können und dürfen gelegentlich daneben liegen; Ausnahmen dürfen vorkommen, auch wenn wir permanent daran arbeiten werden, die Fehlerquote weiter zu verringern. Wer hier die Perfektion der Mechanisierung fordert, wird vor der Digitalisierung steckenbleiben! Vielleicht müssen wir hier die perfektionistischen Ansprüche deutscher Ingenieurskunst ein Stück weit zurücknehmen, denn eigentlich haben wir bereits verstanden, dass selbst unvollkommene Algorithmen einer künstlichen Intelligenz schon heute besser sind als menschliche Aufmerksamkeit beim Autofahren oder das reine Bauchgefühl bei Entscheidungen.